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Wegweisende Entwicklung

Die Avantgarde in Stuttgart

Avantgarde Stuttgart
Stuttgarts Vorreiterrolle der Moderne

BW Story - Hirsch & Greif

Stuttgarts Vorreiterrolle der Moderne

In den 1920er-Jahren erlebt Stuttgart eine aufregende Zeit - voller Freiheiten und Vergnügungen und mit einer jungen Kunstszene. Bilder einer Stadt auf dem Weg in die Moderne.

Stuttgarter Avantgarde - Bilder einer Stadt aus den 1920ern

Spannende Zeiten

1922 feiert Oskar Schlemmers Triadisches Ballett in Stuttgart Uraufführung. Die Metropole am Neckar entwickelt sich zur Automobilstadt. Schon 1924 gibt es hier prozentual zur Bevölkerung mehr Kraftfahrzeuge als in Berlin. Mercedes-Benz wirbt mit dem Typus der sogenannten neuen Frau für seine Fahrzeuge – mit Damen, die Bubikopf zu dunkel geschminkten Augen tragen. 1927 berichtet die Weltpresse von New York bis Moskau über die Bauausstellung am Weissenhof. Und 1929 schließlich tritt die legendäre Tänzerin Josephine Baker spärlich bekleidet im Friedrichsbau auf und wird gefeiert. Die Kinos, Tanzbars und Badeanstalten boomen. Im Sommer besuchen viele Stuttgarter die Waldheime, die Arbeitervereine Anfang des Jahrhunderts errichtet haben. Weil die tägliche Arbeitszeit vieler Angestellter und Arbeiter reduziert worden ist, haben die Menschen abends freie Zeit, um sich zu vergnügen. Öffentliche Verkehrsmittel erlauben ihnen zudem eine neue Mobilität. Stuttgart ist im Rausch von Moderne, Kunst, Tempo, Freiheit.

Beleuchteter Brunnen auf dem Schlossplatz in Stuttgart

Der Stuttgarter Schlossplatz ist bei Dämmerung ein beliebter Treffpunkt.

Gute-Laune-Menschen sitzen nachts auf dem Platz der Republick in Stuttgart unter grünen Bäumen zusammen

Ein ehemaliges Klohäuschen auf dem Platz der Republik aus dem Jahre 1926 ist heute ein charmanter Szenetreff in Stuttgart. | © Gregor Lengler

Stuttgart Kunstgebäude

Im Kunstgebäude in Stuttgart ist zeitgenössische Kunst ausgestellt. Auf der Kuppel des Kunstgebäudes trohnt der goldene Hirsch. | ©

„Wir haben in Stuttgart das Bauhaus erfunden“

Natürlich gibt es in vielen Metropolen Europas Goldene Zwanzigerjahre. Die Engländer nennen sie die Roaring Twenties, die Franzosen Les Années Folles. Verrückt sind diese Jahre nach dem Ersten Weltkrieg wirklich nicht nur in Berlin. „Stuttgart hatte schon damals ein sehr modernes Image“, erzählt Anja Krämer, die das Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier leitet. Und Steffen Egle, Leiter Bildung und Vermittlung in der Staatsgalerie Stuttgart, ergänzt: „Auch in der Museumspolitik war Stuttgart ein Hotspot. Man dachte in der Staatsgalerie sehr modern und interessierte sich für expressionistische Kunst.“ Schon seit 1905 lehrt an der Kunstakademie zudem Adolf Hölzel, der als wichtiger Vertreter der Moderne gilt. Er versammelt um sich begabte junge Künstler wie Oskar Schlemmer, Johannes Itten, Willi Baumeister und Ida Kerkovius. „Man kann mit Fug und Recht sagen: Wir haben das Bauhaus erfunden“, meint Nils Büttner, Professor für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte und Mitglied des Rektorats an der heutigen Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Denn in der Ausbildung bei Hölzel gibt es eine Grundlehre und Werkstätten wie später am Bauhaus. Schlemmer und Itten entwickeln viele der Hölzel-Ideen später am Bauhaus in Weimar weiter.

Kunstort Staatsgalerie

Wo kann man diese neue Kunst von damals heute noch erleben? Natürlich in der Staatsgalerie Stuttgart, wo neben dem Triadischen Ballett weitere wichtige Werke von Oskar Schlemmer zu sehen sind. Außerdem hängen dort auch fast immer Bilder von Willi Baumeister und Ida Kerkovius – neben vielen Hauptwerken der internationalen Moderne natürlich. Im Kunstmuseum Stuttgart am Schlossplatz gibt es ebenfalls mehrere Räume mit Bildern von Künstlern, die in den 1920er-Jahren Stuttgarts Ruf als spannende Kunststadt begründeten. Auch viele Bilder von Otto Dix sind dort zu sehen, unter anderem das Triptychon „Großstadt“.

"Das Triadische Ballett ist das Schlüsselwerk einer ganzen Epoche." 
 – Steffen Egle, Leiter Bildung und Vermittlung in der Staatsgalerie Stuttgart
Triadisches Ballett von Oskar Schlemmer in der Staatsgalerie Stuttgart

Das triadisches Ballett von Oskar Schlemmer wird in der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellt. | © Gregor Lengler

Kunstmuseum Stuttgart

Im Kunstmuseum am Schlossplatz in Stuttgart gibt es Bilder von Künstlern der Avantgarde aus den 1920er-Jahren. | © Georg Lengler 

Eine Ikone der Moderne

Aber nicht nur Kunstwerke sind geblieben: Der Tagblattturm, 1924 als erstes Stahlbeton-Hochhaus Deutschlands geplant, ist ein Wahrzeichen der Stadt geworden. Einst gab es dort den mit 15 Stockwerken höchsten Paternoster der Welt. Heute ist in dem Gebäude das Kulturareal „Unterm Turm“ zu Hause – mit mehreren Theatern und kulturpädagogischen Einrichtungen.

Blick auf den Tagblattturm in Stuttgart in Sichtbetton -Bauweise. Grüne Bäume stehen im Vordergrund.

Das 1928 im Stil der neuen Sachlichkeit errichtete Gebäude ist das erste Hochhaus der Welt in Sichtbetonbauweise. | © Gregor Lengler 

Im Witwen-Express zum Waldfriedhof

Mit der alten, hölzernen Standseilbahn zuckelt man schon seit dem 30. Oktober 1929 zum Waldfriedhof hinauf. Sie trug einst den Spitznamen Witwen- oder Erbschleicher-Express. Start ist der Südheimer Platz in Heslach. Auf dem Waldfriedhof liegen Gräber wichtiger Prominenter, unter ihnen Oskar Schlemmer oder Adolf Hölzel, die man besuchen kann.

Mit der Standseilbahn geht es vom Südheimer Platz zum Waldfriedhof in Stuttgart. |  © Gregor Lengler 

Palast der Republik und die Waldheime

Und nachts, da trifft sich Stuttgarts Szene an einem ehemaligen Klohäuschen von 1926 – am Palast der Republik in der Friedrichstraße. Weil’s drinnen so eng ist, wird meistens auf dem ganzen kleinen Platz gefeiert. Auch viele Waldheime sind geblieben. Noch heute sitzt man an schönen Sommerabenden in Heslach oder Sillenbuch und genießt zum Feierabendbier Maultaschen oder Linsen mit Spätzle.

Ein ehemaliges Klohäuschen auf dem Platz der Republik aus dem Jahre 1926 ist heute ein charmanter Szenetreff in Stuttgart. | © Gregor Lengler

Eine Bar wie vor 100 Jahren

Und eine brandneue 1920er-Jahre-Location hat Stuttgart auch, noch dazu eine ziemlich exklusive: das im Stil der damaligen Zeit eingerichtete Jigger & Spoon in der Gymnasiumstraße – eine Cocktailbar in einem ehemaligen Banktresor. Man muss klingeln, um eingelassen zu werden, und dann mit dem Fahrstuhl erst einmal zwei Stockwerke abwärts fahren. „Wir wollten an die Tradition der amerikanischen Speak-Easy-Bars während der Prohibition anknüpfen“, erzählt Eric Bergmann, dem gemeinsam mit Uwe Heine die Bar gehört. Zehn Monate hat es gedauert, um aus dem Tresor eine Location wie vor 100 Jahren zu machen, natürlich mit WLAN und modernen Cocktails. An wertvolle Schätze erinnern nur die Vergitterungen der ehemaligen Tresorräume. Aber eine Goldgrube ist das Jigger & Spoon immer noch. Stuttgart feiert gern hier unten. Ein bisschen Underground. Ein bisschen Avantgarde. Bis heute.

Die legendäre Bar Jigger and Spoon in Stuttgart befindet sich in einem ehemaligen Banktresor. | © Gregor Lengler 

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