Schön lang, die Schwäbische Alb.
NATUR

Schön lang, die Schwäbische Alb.

07. Januar 2020

Tagesausflüge auf der Schwäbischen Alb machen fast unendlich Spaß. Aber eben nur fast. Irgendwann neigt sich der Tag zu Ende. Viel zu früh, möchte man meinen. Wieder ist so vieles übrig geblieben, was man noch sehen und erleben möchte. Die Alb verdient Intensität – also nicht nur Tage, sondern Wochen. Man sollte sich eben Zeit nehmen: Alb komplett – der Länge nach – von Nordosten nach Südwesten. Endlich die ganze Palette in voller Schönheit. Muss man mal gemacht haben.

Die Idee ist schon deshalb wundervoll, weil sie eine saubere Begründung liefert, dem Alltag eine längere Pause zu verordnen. Alb intensiv – das sind Ferien in Reinkultur. Wählt man das Rad – mit E-Unterstützung oder mit guter Kondition – sollte man ungefähr sechs Tage einplanen. Wer sich fürs klassische Wandern entscheidet, wählt am besten einen der klassischer Pfade Deutschlands: den Albsteig. Der Fernwanderweg, der als HW1 bekannt ist, lässt sich locker sich in 15 Tagesetappen einteilen. Wobei man „locker“ unbedingt in Anführungszeichen setzen sollte. Die Alb fordert – egal, wie man unterwegs ist. Zwei Erlebnisberichte.

Die Alb in voller Länge: mit dem Rad. 

Ja, prima! Gleich vom Start weg geht’s mordsmäßig bergauf. Nach ein paar Kurven lautert das Mordloch. Sind wir in einen Krimi geraten? Nein. Auf diese Weise werden wir prächtig eingestimmt auf die faszinierende Sechstagestour zwischen Himmel und Erde – von Aalen nach Tuttlingen. Aalen markiert das nördöstliche Ende der Alb. Tuttlingen liegt ganz im Südwesten. Dazwischen liegen fantastische Aussichten, spektakuläre Trails und unzählige Versuchungen, das Bike beiseite zu stellen. Wer sich hineintraut: Ein paar Meter Wegstrecke im sogenannten Mordloch kann man entdecken. Die Höhle ist frei zugänglich. Doch den Höhlenforschern unter den Bikerinnen und Bikern darf man ankündigen: Es werden sich weitere Löcher am Wegesrand auftun. Gleiches gilt übrigens für Liebhaber von Burgen und Schlösser. Schloss Weißenstein auf Etappe eins darf als vielversprechender Auftakt gelten.

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Das blaue X auf gelbem Grund weist den Weg des Alb-Crossings - © Gregor Lengler

Für die große Alb-Durchquerung haben wir Geislingen, Gruibingen, Bad Urach, Sonnenbühl-Erpfingen und Balingen als Etappenorte gewählt. Damit ergeben sich insgesamt sechs Etappen, die körperlich fordern, aber genügend Zeit für Besichtigungen, ausführliches Einkehren und andere Spontanpausen übriglassen. Die Teilstücke sind zwischen 50 und 80 Kilometer lang und überwinden zwischen 1.000 und 1.500 Höhenmeter pro Tag. Für E-Biker sei hinzugefügt: Ladestationen sind genügend vorhanden.

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Immer wieder gibt es auf der Tour tolle Aussichtspunkte.  - © Gregor Lengler

Mit vollen Akkus gehen wir in die zweite Etappe, die dem Thema Aussicht gewidmet ist. Kreuz und quer führt unser Weg an der Albkante entlang. Sensationelle Blicke über die Voralb öffnen sich dort, wo der Wald eine Lücke lässt. Eine besondere Herausforderung erwartet uns am Abend. Wir müssen uns anstrengen, die Brauereigaststätte in Gruibingen so zu verlassen, dass der Genuss keine deutlichen Dellen in der Formkurve zurücklässt. Wie gut, dass Etappe drei nicht die längste ist. Dafür ist sie gespickt mit Sehenswürdigkeiten. Eine wahre Perlenkette für Märchenprinzessinnen und Schlossherren tut sich auf: Ruine Reußenstein, Burg Teck, Burg Hohenneuffen hintereinander weg. Dass der Weg eben verläuft, versteht sich beinahe von selbst. Und trotzdem: Routinierte Biker, die ohne Extra-E-Power unterwegs sind, sparen Körner für den morgigen Tag.

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Marktplatz von Bad Urach - © Gregor Lengler

Nummer vier. Königsetappe! Wie gut, dass wir gestern Abend in den Uracher Alb-Thermen unsere Muskeln gelockert hatten. Gleich nach dem Frühstück genießen wir den ersten von drei feinen Anstiegen, die sich heute in den Weg stellen. Darum denken wir in Pfullingen und Gomaringen daran, unsere Getränkeflasche zu füllen. Für willkommene Abkühlung kann auch auf andere Weise gesorgt werden. Auf der Königsetappe liegen spannende Angebote zur sofortigen Klimaveränderung. Sie heißen Nebel-, Bären- und Karlshöhle.

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Höhlen auf der Schwäbischen Alb - © Gregor Lengler

Was hatten wir noch nicht erwähnt? Richtig: Wasserfälle. Einen von ihnen passieren wir auf der fünften Etappe bei Hausen am Tann. Wir kommen ins Gebiet der sogenannten Zollernalb. Unser Weg hat großartige Blicke auf die Burg Hohenzollern eingebaut. Die Entdeckung, die uns am meisten verblüfft, ist jedoch die Landschaft. Tatsächlich, die Schwäbische Alb kann sogar flach sein. Wenige Kilometer nur, gewiss, aber das kurze Stück Erholung nehmen wir gerne mit. Bergig wird’s von ganz allein. Die letzten Kilometer sind fordernd. Die Schwaben setzen gerne das Attribut „mordsmäßig“ hinzu, wenn sie eine gewisse Steilheit beschreiben. Das passt wieder bestens, schließlich haben wir das Killertal durchquert. Das Leben ist schön!

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Blick auf die Burg Hohenzollern - © Gregor Lengler

Wie es sich gehört: Der Höhepunkt zum Schluss - und das stimmt beim Alb-Crossing sogar wortwörtlich. Unsere finale Etappe führt über die höchste Erhebung der Schwäbischen Alb, den Lemberg. Danach geht’s bergab. Tuttlingen ist nahe. Die Grand Tour de Schwäbische Alb neigt sich dem Ende entgegen. Insgeheim macht sich der Gedanke breit, dass selbst sechs Tage für die Alb wenig sind. Viel zu wenig. Vielleicht sollten wir umdrehen und wieder zurückfahren.

Die detaillierte Streckenbeschreibung mit Karte, Höhenmetern, Sehenswürdigkeiten, Einkehr-Empfehlungen und Steckdosen findet man hier: Alb-Crossing Schwäbische Alb

Die Alb auf ganzer Breite: klassisch gewandert.

Es soll Pilger geben, die auf dem spanischen Jakobsweg zwar kontemplativ unterwegs waren, aber bei einer längeren Erzählung zugeben, dass die Landschaft auf die Dauer eintönig erscheint. In diesem Punkt wird man mit dem Albsteig als Fernwanderweg besser bedient. Langweilig ist er niemals – der große Alb-Klassiker, der alle faszinierenden Passagen am Albtrauf miteinander verbindet.

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Traufkante am Böllat - © Gregor Lengler

Albtrauf nennt man die Bruchkante, die die Schwäbische Alb im Norden begrenzt. Von dieser Kante aus geht es üblicherweise 300 bis 400 Höhenmeter streng bergabwärts. An die fantastischen Aussichten kann man sich gar nicht gewöhnen. Immer wieder beeindruckend. Und kein Wunder, dass man im Mittelalter Burgen und Schlösser hingebaut hat, genau an diese wunderbaren Stellen.

Der Albsteig scheut sich keinesfalls, auch in die Tiefe hinabzuführen - natürlich nur um auf der anderen Seite wieder auf die selbe Höhendifferenz zu kommen. Teilweise streng bergauf. Für den Wanderer ist es – je nach Wetterlage – fast eine andere Klimazone, die durchquert werden muss. Waden und Atem werden herausgefordert. Doch die Kontemplation kommt nicht zu kurz, das liegt an der eindrucksvollen Naturlandschaft auf den Höhen. Der lange Marsch quer über die Schwäbische Alb ist zwar keine klassische Route gläubiger Pilger, aber er enthält viele meditative Passagen. Für den kompletten Albsteig sollte man etwa zwei Wochen einplanen. In diesen kann man sich voll und ganz dem Naturschauspiel widmen. Vielleicht setzt man sich in eine der Wiesen, die nicht nur im Frühjahr bunt leuchten, gesprenkelt von Tausenden wilden Blumen. Dort hämmert ein Specht. Hier summen Bienen von Blüte zu Blüte. Da drüben huscht ein Reh in Deckung.

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Mohnblumen am Wegesrand - © Gregor Lengler

Überraschend warm wird’s auf der sogenannten „rauen Alb“, die auf angenehme Weise vom großen Tourismus verschont geblieben ist. Einzigartig sind vor allem die vielen Wacholderheiden. Einen solchen Naturraum findet man selten. Auf großer Fläche nur dürre, aber artenreiche Trockenwiese. Hier und da zeigt ein Wacholderstrauch in die Höhe. Mehr nicht. Die einzigartige Heidelandschaft ist dort anzutreffen, wo die Sonne selbst am Abend scheint. Das hat die Natur den Schäfern und Schafen zu verdanken, die sich auf der Sonnenseite besonders wohl fühlen. Nähere Informationen erhält jeder Wanderer gerne bei einem spontanen Plausch mit dem Schäfer.

Tatsächlich führt der lange Weg von Donauwörth nach Tuttlingen immer wieder durch diese Flecken einzigartiger Kulturlandschaft. Der Lebensraum Wacholderheide entstand durch Beweidung. Schafe sind gründlich. Sie verschlingen alles. Nur Wacholder mögen sie überhaupt nicht. Auch einige seltene Orchideen sind alles andere als schmackhaft. Das wiederum erfreut Biologen und Wanderer. Nicht zu vergessen: Bienen und Insekten. Für sie ist die Alb-Tafel reichlich gedeckt. Apropos tierisches Vergnügen. Man darf den eigenen Augen ruhig trauen, wenn man einen Büffel erspäht. Alb-Büffel werden vereinzeln gehalten, auch eine Straußenfarm ist vorhanden.

Der traditionelle Wanderweg von Donauwörth nach Tuttlingen wurde schon vor hundert Jahren vom Schwäbischen Albverein angelegt. Es waren viele, die dazu beigetragen haben, die Route festzulegen. Heute würde man Schwarmintelligenz dazu sagen. Die einheimischen Albvereinsmitglieder wussten gut, wo man die schönsten Stellen findet. Noch heute profitieren die Wanderer von diesem Wissen. Der Albsteig verbindet alle Sehenswürdigkeiten und lässt keines der weltberühmten Schlösser und Burgen aus.

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Wandern durch die Landschaft der Alb. - © Gregor Lengler

Die gesamte Strecke bringt insgesamt 358 Kilometer auf dem Sohlentachometer. Als täglicher Höhepunkt darf ein Besuch in einem zünftigen Landgasthof empfohlen werden. Auf der Alb hat die ursprüngliche Kochkunst im Originalzustand überlebt. Wer Hunderte von Kilometern in Wanderschuhen hat, ist auf diesen Genuss angewiesen. Man soll es mit Enthaltsamkeit nicht übertreiben. Die persönlichen Energiespeicher müssen wieder gefüllt werden. Nicht zufällig beinhaltet der Ausdruck „Einkehr“ eine gewisse Doppeldeutigkeit.

Der Albsteig verläuft auf dem Fernwanderweg HW1. Er zählt zu den Top Trails of Germany, den besten Fernwanderwegen des Landes. Weitere Informationen zu Route, Übernachtungsmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten unter: Albsteig HW1

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