Englands Werk und unser Beitrag

Fußball-EM 2024: Fußballerfindungen aus dem Süden

Eine Gruppe Fußballfans laufen auf einem großen Platz auf einen Pavillon zu.
Fußballwissen, das auch Profis noch zum Staunen bringt

BW-Story - Hirsch & Greif

Fußballwissen, das auch Profis noch zum Staunen bringt

Wer hat’s erfunden? Die Engländer. Wer hat’s verbessert? Die Fußball-Pioniere aus BaWü. Ein Streifzug durchs Land der kontinuierlichen Spieloptimierung bringt verblüffende Resultate. Zum Beispiel Rote Karten, Torwarthandschuhe und Elfmeterschießen. All das und noch vieles mehr wurde erfunden von Menschen aus dem Fußballsüden.

Baden-Württemberg verzeichnet in Deutschland die meisten Patentanmeldungen. Das Klischee der erfindungsreichen Leute im Süden kommt nicht von ungefähr. Das zeigt sich auch im Fußball. Beispiel Bundestrainer: Fast die Hälfte aller Übungsleiter der deutschen Nationalmannschaft stammt aus dem Fußballsüden. Genau fünf von zwölf, nämlich die Herren Otto Nerz, Sepp Herberger, Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und Hansi Flick. Die Fußballlehrer-Dichte im Land ist kein Zufall. BaWü gilt als Heimat der kontinuierlichen Spielverbesserung. Weil die Menschen den Fußball lieben – und sich bei guten Ideen einfach nicht bremsen können.

Die ersten Fußballspiele Deutschlands

Die ersten Fußballspiele Deutschlands

Wer die Wurzeln des deutschen Kickens erforscht, landet gleich zweimal im Fußballsüden: in Stuttgart und Karlsruhe. Schon 1865 wurde nämlich in Cannstatt gekickt. So steht es in einer Notiz von William Cail, dem späteren Schatzmeister des englischen Rugbyverbandes. Er verbrachte seine Jugend in Cannstatt. Seine präzise Notiz, die sich in einem Brief an einen Cannstatter Sportskameraden findet, ist bis heute der älteste Nachweis eines Fußballspiels auf deutschem Boden. War es nun Fußball oder Rugby, was auf dem Cannstatter Bolzplatz gespielt wurde? Die Frage erübrigt sich. Fußball und Rugby sind damals noch ein und dasselbe. Man nannte es einfach „Football“.

Als die Regeln des Fußballs eindeutig definiert waren, schwang sich Karlsruhe zur Hochburg der jungen Sportart auf. Das liegt vor allem an Walther Bensemann. Der große deutsche Fußballpionier gründete dort im Jahre 1889 den International Football Club, später die „Karlsruher Kickers.“ Man spielte auf dem Engländerplätzle an der Moltkestraße. Teile des historischen Ascheplatzes kann man heute noch bespielen. 

Ein Wasserbecken vor einem großen Schloss mit einer Fahne auf dem Turm
Karlsruhe war schon früh eine wichtige Fußballstätte. | © TMBW, Foto: Achim Mende

Einen wie Bensemann würde man heute einen „Netzwerker“ nennen. Er war an über 15 Vereinsgründungen in Süddeutschland beteiligt. Schwerpunkt seines Wirkens war sein Wohnort Karlsruhe. Dort und anderswo veranstaltete er Spiele gegen internationale Mannschaften. Heute stehen sie als „Ur-Länderspiele“ in den Geschichtsbüchern. Später, als der Deutsche Fußballbund gegründet war, zeigte sich, dass Baden sportlich anderen Regionen überlegen war. Von den ersten sieben deutschen Meistertiteln gingen drei nach Baden. 1907 an den Freiburger FC, 1909 an Phönix Karlsruhe und ein Jahr später an den Karlsruher FV. Zu diesem Zeitpunkt war Bensemann bereits weiter gezogen. 1920 gründete er den „Kicker“. Das Sportmagazin ließ er erst in Konstanz drucken, dann in Stuttgart. Walther Bensemann gilt bis heute als Erfinder des kritischen Sportjournalismus.

Tipp-Kick: Kleine Revolution

Tipp-Kick: Kleine Revolution

Während der weltoffene Bensemann zu den bedeutenden Pionieren gehört, fanden im Fußballsüden auch eher unauffällige Revolutionen statt. Ein Stuttgarter Möbelfabrikant verscherbelte 1924 sein Patent für kleine Zinnfiguren, die einen beweglichen Fuß hatten. Er hielt seine Idee für wertlos. So kann man sich täuschen. Der Schwenninger Edwin Mieg kaufte ihm das Patent ab und stellte die Figuren inklusive eines eckigen Balles zwei Jahre später auf der Nürnberger Spielwarenmesse vor. Tipp-Kick gibt es bis heute, beinahe unverändert. So richtig original ist es nur, wenn es in Schwenningen hergestellt wird.Tipp-Kick feiert im Jahr der Europameisterschaft sein 100-jähriges Jubiläum.

Tipp-Kick-Figuren
Mittlerweile Kult: Die kleinen Figuren von Tipp-Kick. | © Bernd Sautter

Der Einfallsreichtum beschränkte sich nicht nur auf das Spiel an sich. Als der Fußball größer wurde und das Spiel ruppiger, hatte ein Stuttgarter Schiedsrichter eine bahnbrechend einfache Idee. Rudolf Kreitlein erfand Ende der Sechzigerjahre die Gelben und Roten Karten. Der Impuls stammt aus einem Spiel der WM 1966, das Kreitlein leitete. Der Stuttgarter Schiedsrichter brauchte stolze sieben Minuten, bis er nach einem Platzverweis den Argentinier vom Spielfeld komplimentiert hatte. Kreitlein ärgerte sich darüber, dass ihm ein eindeutiges Signal für Platzverweis fehlte, also eines, das man in allen Sprachen der Welt verstehen konnte. Er grübelte tagelang. Als er in London vor einer Ampel stand, hatte er die Idee. So wurden die Gelben und Roten Karten erfunden. Die Gelbe-Karten-Premiere erfolgte übrigens bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexico. Der Unparteiische, der erstmals Gelb zeigte, war ein Badener: Kurt Tschenscher aus Mannheim.

Auf Shopping-Tour in Metzingen

Auf Shopping-Tour in Metzingen

Ähnliche Epoche, anderer Ort: Metzingen. Schon in den Siebzigerjahren war die schwäbische Kleinstadt wegen seiner Einkaufsmöglichkeiten jede Reise wert. Auch von Fußballern sind Shoppingaufenthalte überliefert, vor allem von Torhütern. Der Metzinger Handschuhfabrikant Gebhard Reusch hatte gemeinsam mit Sepp Maier einen speziellen Torwarthandschuh entwickelt. Die Neuerung: Innenflächen aus Latex. Damit der Ball besser kleben bleibt. Nicht wenige Fachleute behaupten: Katze Maier hielt deshalb so zuverlässig seinen Kasten sauber, weil er die besseren Handschuhe hatte als andere Torhüter.  

In einer Einkaufsmeile sind viele Designerläden. Die Shops sind in hellen Farben und modern gehalten.
Metzingen, ein Shoppingmekka - auch für Fußballer! | © HOLY AG, Foto: Johannes Vogt
Die Neuerfindung des Fußballs

Die Neuerfindung des Fußballs

Heute liest man in Taktikanalysen wie selbstverständlich die Begriffe „Viererkette“, „Ballorientierung“ und „Verschieben“. Als diese Begriffe in den Achtzigern von einer südwestdeutschen Trainerschule eingeführt wurden, kam das manchen wie die taktische Neuerfindung des Fußballs vor. Federführend war dabei der Trainerstab um Helmut Groß, Ralf Rangnick und weiteren Fachleuten des württembergischen Fußballverbandes. Einige Kniffe hatte man sich von Dynamo Kiew abgeschaut, der Mannschaft, die regelmäßig in der Sportschule in Ostfildern-Ruit zu Gast war. Der Vorsprung der württembergischen Trainerschule hatte zwischenzeitlich dazu geführt, dass ein Drittel aller Bundesligatrainer aus dem Fußballsüden stammte.

Entscheidende Erfindungen. Lokale Besonderheiten.

Entscheidende Erfindungen. Lokale Besonderheiten.

Wie wird eigentlich ein Finalspiel bei der Europameisterschaft entschieden, wenn es nach der Verlängerung unentschieden steht? Natürlich durch Elfmeterschießen. Und wer hat’s erfunden? Die Bayern behaupten, sie wären es gewesen. Ein gewisser Karl Wald hätte das Elfmeterschießen 1970 dem Bayerischen Verband vorgeschlagen, so wird es behauptet. Mag stimmen. Es erklärt aber nicht, warum der Württembergische Verband ein Pokalspiel schon im Jahr 1967 durch ein Elfmeterschießen entschied. Es geschah im Ludwigsburger Jahnstadion bei der Partie Ludwigsburg 07 gegen Normannia Gmünd.

Bei aller Bescheidenheit der vielen Erfinder aus dem Fußballsüden muss allerdings eingeräumt werden, dass nicht jede Idee um die Welt ging. Zum Beispiel das Schnürles in Pforzheim, eine Art Fußballtennis, das als Trainingsform erfunden wurde. Das Spielfeld ist eine Art Tennisplatz, nur viel kleiner. Der Fußball muss über eine Schnur ins gegnerische Feld gespielt werden. Auftitschen darf er nur einmal. Seinen Namen hat das Spiel nicht von der Schnur, sondern von seinem Erfinder, dem Pforzheimer Fritz Schnürle. Bis heute werden rund um Pforzheim Schnürles-Wettbewerbe ausgetragen. In vielen Freibädern der Stadt, zum Beispiel in Dillweißenstein, sind Schnürles-Felder eingerichtet. Trotz der fraglos genialen Erfindung darf man feststellen: Auch fast hundert Jahre nach Fritz Schnürle ist sein Spiel kaum über die Stadtgrenzen von Pforzheim hinausgekommen.

Zwei wandernde Personen laufen durch einen rechteckigen Durchgang hindurch. Auf dem Durchgang steht Goldene Pforte Pforzheim darauf. Um die Wandernden herum sind viele Bäume.
Auch wenn die goldene Pforte entfernt an ein Fußballtor erinnert, ist Pforzheim doch vor allem für seinen Goldschmuck bekannt geworden.  | © TMBW, Foto: Christoph Düpper
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