Menü

Der Neckar und der Neckar-Käpt'n

Alles im Fluss

Neckar-Käpt'n
Eine idyllische Rundtour auf dem Neckar

Man sollte nicht alles für bare Münze nehmen, was amerikanische Touristen berichten. Mark Twain notierte in seinen Reiseerinnerungen über den Neckar, er sei so schmal, dass man einen Hund hinüberwerfen könne. Gewiss war im ausgehenden 19. Jahrhundert der Fluss nicht schiffbar nach dem heutigen Standard. Einzelne Passagen waren deutlich schmaler als heute. 

Doch der reisende Schriftsteller untertreibt – und zwar zum deutlichen Nachteil des armen Hundes. Von einem Hunde-Testwurf in Höhe Bad Cannstatt wird ausdrücklich abgeraten. Wärmstens empfohlen sei dagegen, den treuen Freund mit aufs Schiff zu nehmen. Die Flussfahrt startet in Höhe der Wilhelma auf der Stuttgarter Seite. Schon die ersten Meter legt man auf einem historischen Abschnitt zurück. Typisch Stuttgart: Sogar auf dem Wasser spielt das Auto eine Rolle.

Wo wir jetzt schippern, ging das erste Motorboot der Welt zu Wasser. Gottlieb Daimler montierte einen schnelllaufenden Ein-Zylinder-Motor zuerst an ein Zweirad, dann in ein Boot. Den ersten Testlauf absolvierte er in aller Herrgottsfrühe, genau an dieser Stelle, wo wir jetzt mit NeckarKäpt’n und Hund unterwegs sind. Damals sorgte das Geknattere und Gefauche der „Höllenmaschine“ für großes Aufsehen. Die Leute sollen froh gewesen sein, dass die „spinnerten Teifel“ Daimler und Maybach ihre Versuche auf die Straße zurückverlegten. Wir sind an Bord der MS Wilhelma und verursachen überhaupt kein Aufsehen. Wir müssen lange winken, bis ein paar Kinder vom Ufer zurückwinken. Im Grunde bleiben wir unsichtbar, wenn wir aus der Mitte des Neckars in die Straßen der Stadt schauen.

Vor uns liegt eine klassische Passage. Die legendären Flüsse haben hierzulande klare Zuordnungen: Der Rhein imposant, die Elbe pittoresk, die Donau vielbesungen und der Neckar romantisch. Zum Beweis sei Heinrich Heine zitiert: „Ich möchte nicht tot und begraben sein / Als Kaiser zu Aachen im Dome / Weit lieber lebt’ ich als kleinster Poet / zu Stukkert am Neckarstrome.“ Dieses Stukkert überrascht uns tatsächlich. Keine Seemeile ist zurückgelegt, das zieht sich die Stadt zurück und macht Platz für sonnige Terrassen aus Sandsteinmauern im schönsten Licht. Der Wein wirft sich erst auf Steuerbord die Hänge hinauf, in der nächsten Biegung auf Backbord – und ehe wir’s uns versehen, stecken wir im Fahrstuhl.

Auf 200 Kilometern überwinden 27 Schleusen die Höhendifferenz von Mannheim nach Plochingen. 161 Höhenmeter liegen dazwischen, ungefähr so viel wie die Größe des Ulmer Münsters. 1968 wurde die gesamte Strecke für die Schifffahrt erschlossen. Die einzelnen Schleusen überwinden zwischen 3,50 und 8 Metern Höhe. „Wilhelma zu Tal bei 167“, gibt der Neckarkäpt’n Jörg Stürmer per Funk an den Schleusenwart durch. Apropos Flussromantik: Käpt’n Stürmer lenkt das Boot mit einem Joystick. Das Steuerrad ist schon seit Jahrzehnten aus den Ausflugsschiffen verschwunden.

Nachdem wir die futuristischen Holzbrücken an der Mündung der Rems passieren, erreicht die MS Wilhelma die Neckarschlaufen. Postkartenansichten! Idylle pur. Schöner wird’s nimmer auf deutschen Flüssen. Ab Poppenweiler sind selbst die steilsten Stellen terrassiert. Die Winzer haben alles ausgenutzt. Trollinger, Riesling und Kerner werden angebaut. Stichwort Neckarkäpt’n Diner. Auf der Speisekarte stehen zünftige Maultaschen mit Kartoffelsalat und Linsen mit Spätzle. Dazu wird Wein aus den Hessigheimer Felsengärten empfohlen. Wir nippen nur an den Gläschen, schließlich wollen wir noch was im Glas haben, wenn wir an den Felsengärten vorbei schippern. Kurz danach, in Besigheim wo die Enz in den Neckar mündet, wird gedreht. Ab jetzt geht’s bergauf.

Als hätten wir vorhin nicht alles gesehen, eröffnen sich auf der Rückfahrt völlig neue Perspektiven. Die Sonne steht noch besser. Gut, dass auf dem Taschentelefon genügend Speicher für die Bilder zur Verfügung steht. Eine Zeitschrift bestätigte, dass es sich beim Neckar um den „mit Abstand romantischsten deutschen Fluss“ handelt, „noch vor dem Rhein. Nicht nur der schwäbischen Dichter wegen.“ Aber auch. Wir passieren die Schillerstadt Marbach. Dort drüben auf dem Hügel steht das Schiller Nationalmuseum und das Deutsche Literaturmuseum der Moderne. Tatsächlich befindet sich auch bei uns eine Schriftstellerin an Bord. Vorhin hat sie sich bei Käpt’n Stürmer erkundigt, was passieren würde, wenn der Käpt’n ermordet werden würde. „Na ja, dann fährt das Schiff irgendwann gegen das Ufer und bleibt stehen,“ sagt derjenige, der nach seiner eigenen Ermordung gefragt wurde. Es steht zu befürchten, dass die Krimi Autorin auf eine Antwort gehofft hatte, die weit spektakulärer war. Fest steht jedenfalls, dass unsere Neckar-Tour die Fantasie durchaus beflügelt. Vielleicht ist in diesem Zusammenhang Twains Vorschlag vom Hundewurf zu verstehen. Er war n nichts anderes als die reine Fantasie eines Humoristen.

Zurück zwischen den Rebhängen der Großstadt ordern wir noch einen kleinen Snack. Auch der Hund bekommt ein Häppchen. Natürlich heimlich. Wir stoßen an auf Mark Twain, der in einem Moment großer Ernsthaftigkeit folgendes zu Protokoll gegeben hat: „Deutschland ist im Sommer der Gipfel der Schönheit, aber niemand hat das höchste Ausmaß dieser sanften und friedvollen Schönheit begriffen, wirklich wahrgenommen und genossen, der nicht auf einem Floß den Neckar hinabgefahren ist.“ Jawohl, Recht hat er der Twain. Und es stört überhaupt nicht, dass er diese Sätze notiert hat, während er in Heidelberg saß. Zweifelsohne hat der den gesamten Neckarlauf gemeint, bis hoch ins Quellgebiet nach Bad Dürrheim. Wäre er sonst auf die Idee mit dem Hundewurf gekommen? Sicher nicht.