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Giersteine im Schwarzwald

Mythos und Wahrheit

Das Geheimins der Giersteine

Noch herrscht Ruhe bei den Giersteinen. Wer Glück hat, bekommt die 
eigenartigen Felsbrocken für sich alleine. Je früher der Morgen, umso besser die Chancen, den Mythos ungestört zu genießen. Das frühe Morgenlicht 
zeichnet die Gesteinsfurchen tiefer als sie eigentlich sind. Die Aussicht auf das Murgtal ist betörend. 

Auch ohne die mächtigen Steine wäre der Ort ein ganz besonderer. Aber das steht nicht zur Debatte. Seit Millionen Jahren thronen die Giersteine an dieser Landschaftskante. Wie aufgesetzt wirken die riesigen Brocken. 
Irgendwie merkwürdig. Fast wie hingerollt. Hat sie ein Schwarzwälder Riese vergessen? Wurde damit der Eingang zur Hölle versiegelt? Hat man Game of Thrones im Schwarzwald gedreht?

Nichts von alledem. Eine Schwarzwälder Riese ist eine Rinne für 
geschlagenes Holz. Das Höllental liegt im Südschwarzwald. Die Fantasy-Serie, die im Schwarzwald spielt, muss noch gedreht werden. Das Drehbuch dazu könnte schon vorhanden sein. Autorin Manuela Maer beschreibt in ihrem jüngsten Roman eine Szene, die bei den Giersteinen spielt: „Plötzlich begann der Körper ihres Vaters zu schweben. Sachte bewegte er sich auf die Stirnseite des Felsens zu und senkte sich erst, als dessen Kopf über der Mulde lag, von der aus tiefe Riefen hinunterreichten. Die dunkel gewandeten Männer, die unterhalb des Felsens ausharrten, hatten mit einem Furcht einflößend wirkenden Singsang begonnen. Maledins Wille wurde immer mehr in Bann gezogen.“ Man muss keine Fantasy Autorin sein, damit die Fantasie von den Steinen beflügelt wird.

Seit Jahrhunderten erzählt man in Forbach und Umgebung, was einst an den Giersteinen passiert sein könnte, deren größter einen Umfang von fast 13 Metern misst. Schaurig währt am längsten. Eine Opferstätte für heidnische Priester sei es gewesen. Wurden nur Tiere geschlachtet oder gar Menschen? Egal, Blut muss auf jeden Fall geflossen sein. Sonst würden die Rinnen, die die Giersteine durchziehen, keinen Sinn ergeben. Einige davon hat man Blutrinnen getauft. Die Vertiefung dort oben bezeichnet man als Druidensitz. Das da drüben ist der Hexenstein. Sogar die Nazis beteiligten sich an den Spekulationen. Denen hätten altgermanische Stätten gewiss ins krude Weltbild gepasst. Aber von solchen lassen sich die Giersteine ihren Mythos nicht vermiesen. Kommt gar nicht in Frage.

Neulich war ein Kamerateam bei den Giersteinen zu Besuch. Eine Geomantin wurde befragt. Die Geomantie ist eine Unterdisziplin des Hellsehens. Dabei wird nicht aus dem Kaffeesatz gelesen, sondern aus Formen, die Erde, Sand, Steine oder Boden offenbaren. Die Geomantin erklärte die Giersteine zu einem ganz besonderen Kraftort. „Ein Ort, wo die Tiefe der Erde und der Himmel zueinander offen sind.“ Die Giersteine haben nicht widersprochen. Vielleicht sind sie doch ein deutsches Stonehenge. Mit Blutrinnen wie die ominösen Nasca-Linien in der peruanischen Wüste.

Eine kolossal nüchterne Erklärung liefert die Wissenschaft. Sie erklärt trocken, dass keine Menschen im Spiel waren – und auch keine Riesen. Die Steine seien entweder von den Gletschern liegen gelassen worden oder gar vulkanischen Ursprungs. Jedenfalls hätten Wind, Wasser, Eis und Hitze ihre Form definiert. Ebenso banal erklärt man sich den Namen. „Gier“ würde wahrscheinlich von „Kirren“ stammen, einem Kirchweg nach Forbach. Ja, wir haben gelernt, die nüchterne Wissenschaft hoch zu schätzen in den letzten Jahren. Allerdings nicht, wenn es darum geht, der Fantasie einen guten Boden zu bereiten.

Tatsächlich ist das Einzige, was die Menschen bei den Giersteinen wirklich geschaffen haben, eine schnöde Treppe. Im Jahr 1905 wurde sie in den größten Gesteinsbrocken geschlagen. Natürlich gehen wir sie hoch. Wir genießen die wunderbare Aussicht. Die nüchterne Wahrheit haben wir schon vergessen. Wir googeln mal nach Stonehenge. Vielleicht sind wir die Ersten, die Anhaltspunkte entdecken, die noch niemandem aufgefallen sind.