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Schwarzwald

Die Welt ist ein Dorf

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Nein, Loßburg ist kein Touristendorf – und das ist auch gut so. Die kleine Gemeinde südlich von Freudenstadt kommt ohne Sterne-Gastro aus, übrigens auch ohne Golfplatz, ohne Freizeitpark und ohne einen besonderen Ort, an dem die selbsternannten Influencerinnen oder Abenteurer Schlange stehen, um via Insta souverän in die virtuelle Welt zu lächeln. Wenn man ehrlich ist: Loßburg ist ein ganz normales Schwarzwalddorf wie manch andere auch. Ist das nicht schön? Genau, das ist es! Und genau darum, verbringen Marie und Lukas dort ihre Familienferien. In Loßburg, dem Dorf mit Weitsicht.

Trotz Urlaub und alles loslassen: Etwas Planung erweist sich als hilfreich, wenn drei Kinder bespaßt werden wollen. Heute wandert die Familie zum Zauberland an den Kinzigsee. Zauberland hört sich zwar nach Märchengarten an, ist aber ein höchst zeitgemäßer Naturerlebnispfad mit viel Wasser: Wasserspielplatz, Wasserspritzen, Wasserkanälchen. Die Kinzig entspringt hier. 90 Kilometer weiter mündet sie in den Rhein. Die Eltern genießen den Luxus. Sie müssen sich kaum um ihre dreiköpfige 
Rasselbande kümmern. Der Größte darf vor lauter Wasserspielen zwischendurch trockengelegt werden. Papa Lukas war von einer anderen Wundertüte total begeistert. Die Gastgeber hatten ihnen ein original „Loßburger Vespertäschen“ auf den Weg gegeben. Das sah nach Doggy-Bag aus, war aber ein handfestes Gourmet-Set, nach dem Motto „Best-of-Loßburg“, ein Picknick ausschließlich mit Spezialitäten vom Dorf. Super lecker!

Marie und Lukas haben sich bewusst für Dorfurlaub entschieden. Zum einen aus Überzeugung, zum anderen wegen der Erholung. Marie erzählt, wie sie auf Loßburg gekommen ist: „Als Urlauber steckt man in einem Zwiespalt. Neulich hab ein Buch gesehen mit dem Titel Touristen sind ja immer die anderen. Das fand ich einleuchtend. Warum immer da hin, wo Andere hingehen? Ich hab mich schon gefragt, ob man Urlaub machen kann, ohne Teil einer Massenbewegung zu werden. Und tatsächlich: Mit einem Dorfurlaub geht’s ganz einfach.“ Bei Lukas war es anders. Er sagt selbst, er wollte sich nur gut erholen. „Und nebenbei den Schwarzwald kennen lernen, wie er wirklich ist“. So wie Loßburg.

Gestern war die ganze Familie bei Conni in der Hofkäserei. Cornelia Reich hat das Käsemachen in der Schweiz gelernt. Sie stellt ihren Rohmilchkäse aus heimischen Zutaten her – und natürlich von Hand. Wenn andere Dorfbewohner zu Besuch kommen, freut sie sich und legt gerne einen Plausch ein. Tatsächlich fühlen sich Marie und Lukas schon nach kurzer Zeit so, als würden sie im Dorf wohnen. Mit Conni sind sie sofort per Du. Eigentlich logisch, schließlich wohnen alle in derselben Gemeinde. Conni etwas außerhalb des Ortes, auf dem Schwenkenhof. Lukas kann vom Käsetesten kaum genug bekommen. „Kurz bevor wir nach Hause fahren“, schlägt er vor, „sollten wir uns hier nochmal ordentlich mit Käse eindecken.“

Die Familie wohnt in einer Ferienwohnung im Ortsteil Schömberg. Gefunden haben sie die Urlaubswohnung im Netz auf der Dorfurlaub-Website. Dort sind über zwanzig Schwarzwald-Dörfer verzeichnet, in denen es ebenso angenehm normal zugeht wie in Loßburg. Dort findet man die Ziele in der Gegend, auf die man sich freuen kann. Das Gute daran: Man genießt echtes Dorfleben, angenehm alltäglich. Und genau darum, weil die Gäste keine großen Extrawürste gebraten bekommen mögen, fühlt sie sich schnell wie zu Hause. Auf diese Gäste freuen sich auch Leute im Dorf. Die Herzlichkeit ist nicht angelernt, sondern echt schwarzwälderisch. So geht Dorfurlaub. Marie genießt es. Und Lukas ist erstaunt, dass sich die Websites in seinem Notebook sogar schneller aufbauen als in ihrer Wohnung am Rande der Großstadt.

Auf der Dorfurlaub-Website haben Lukas und Marie Ziegenwandern entdeckt. Die Kids sind begeistert. Drum gehts jetzt an den Kultierhof gleich um die Ecke in Betzweiler-Wälde. Die Familie ist angemeldet. Die Sonne scheint. Esther Föttinger erwartet ihre Gäste. Irgendwie kommt es einem vor, als würden auch die Ziegen wissen, dass es gleich losgeht. Sind Ziegen nicht bockig? Esther drückt es anders aus. Sie spricht von einem starken Willen der Tiere. Wir brechen auf zur gemeinsamen Wanderung, ungefähr eine Zwei-Stunden-Runde. Eine Herde Ziegen gemeinsam mit einer Herde Menschen. Klappt hervorragend. Mit kleinen Ausnahmen. Die Kids haben ein Riesenspaß. Esther betont, dass die Ziegen weder gemolken noch irgendwann geschlachtet werden. Es ist ein feines Ziegenleben auf dem Kultierhof. Gegen Ende kennen wir jede Ziege mit Vornamen. Es geht flott voran. Hören die Ziegen eigentlich auf ihre Vornamen? Nicht immer. Ferdinand und Rike machen zum Schluss den Eindruck, als würden sie sich auf Stall und Heu freuen. Wir müssen zugeben: Auch die menschlichen Bestandteile der gemischten Wandergruppe freuen uns auf eine gepflegte Mahlzeit – und darauf, die Füße einen Abend hochzulegen. Das erscheint angebracht. Morgen geht’s früh raus.

Morgen ist Ausnahmetag. Ausnahmsweise geht es an einen typischen Touristenort. Selbstverständlich freuen sich die Kids riesig auf den Tag im Europapark. Eher überraschend: Lukas freut sich auch. Vermutlich liegt es daran, dass er fünf original „Loßburger Vespertäschen“ angemeldet hat.