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Klosterbaustelle Campus Galli

Zeitreise ins Mittelalter

Campus Galli
Bauen wie im Mittelalter - mitmachen erwünscht!

Kurz vor dem Eintritt ins Mittelalter steht auf linker Seite ein kleiner Kiosk. Dort gibt es Wasser, Häppchen und Eis. Die Kreidetafel kündigt an: „Letzter Kaffee vor dem Mittelalter.“ Es dauert ein paar Sekunden, bis wir begreifen, dass es kein Witz ist. Kaffeebohnen kennt man hierzulande seit dem 16. Jahrhundert. Aus Sicht des Campus Galli wäre das schon Moderne. 

Der Kaffee kann warten. Die Spannung ist einfach zu groß. Wir sind Zeitreisende für einen Tag. Ich muss an „Zurück in die Zukunft“ denken. Da steht die Zeitmaschine als Flux-Kompensator bereit. Sie sieht aus wie ein dubioser Sportwagen. Hier nichts dergleichen. Wir sind ja nicht in Hollywood, sondern in einem Wald bei Meßkirch. Das liegt zwischen Oberschwaben und Bodensee. Und hat irgendwo im Wald ein Loch in der Zeit. Wir stehen davon und gehen hinein. Für die Zeitreise einfach den Schildern nach: über den breiten Waldweg ins Mittelalter. Und siehe da: Es funktioniert!

Wir nähern uns dem Campus Galli. Kaum zu glauben, aber wahr: Hier wird eine ganze Klosterstadt gebaut – und zwar so, wie man einst im frühen Mittelalter gebaut hatte. Mit viel Holz – und mit Werkzeugen und Materialen aus dem 9. Jahrhundert. Baumstämme werden mit Ochsen gezogen. Holz wird mit alten Äxten bearbeitet. Das Eisen wird mit Hammer und Amboss geschmiedet. Jetzt fällt mir Asterix und das gallische Dorf ein. Vielleicht aufgrund des Namens: Campus Galli. Irgendwie gallisch. Aber es gibt zwei große Unterschiede zum Comic. Erstens spielen die Abenteuer des Asterix ein paar Epochen früher, zweitens entsteht hier kein Dorf, sondern gleich eine ganze Stadt. Bauzeit: rund 40 Jahre. Man vermutet, dass die jungen Arbeitskräfte sogar eine Chance haben, die Fertigstellung zu erleben.

Klären wir erstmal die Sinnfrage. Warum wird heute eine Klosterstadt mit Methoden und nach Plänen aus dem 9. Jahrhundert gebaut? Man nennt es experimentelle Archäologie. Um genau zu verstehen, wie man damals gelebt und gebaut hat, macht man in riesiges Experiment. Das ist Campus Galli. Extrem lebendige Archäologie. Natürlich stammt auch der Bauplan aus dem 9. Jahrhundert. Mönche haben ihn gezeichnet. Sie lebten um 830 n. Chr. auf der Insel Reichenau. Der große Bauplan ist benannt nach St. Gallen. Für diesen Ort wurde er einst entwickelt. Kaum 1200 Jahre nach seiner Entstehung wird der Plan verwirklicht: in einem Wald bei Meßkirch, Oberschwaben.

Angesichts der 40 Jahre, die wahrscheinlich noch mehr werden, wird deutlich, worum es auf der großen Baustelle der Klosterstadt geht: Mehr ums Bauen selbst, als um die Fertigstellung. Man hätte kaum einen besseren Ort finden können. Der Süden ist die Heimat so vieler Bauherren und Architekten. Das Lebensmotto „Schaffa, schaffa, Häusle bauen“ ist hier geboren worden. Auf dem Campus Galli wird an die Anfänge des Bauens erinnert. Täglich. Wenn der Winter vorbei ist, fängt die Bauzeit an. Jedes Jahr aufs Neue. Bis alles fertig ist. Zum Vergleich: Für das Ulmer Münster ist eine Bauzeit von 513 Jahren notiert.

Mir kommt ein Spruch meines Opas in den Sinn: „Es gibt drei Dinge auf der Welt, die sieht jeder Mensch gern: Wasserfälle, Regenbögen und anderen Menschen bei der Arbeit zu.“ Aber man muss sich als Gast auf der mittelalterlichen Baustelle keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Jeder, der beim Bauen zuschauen will, ist herzlich willkommen. Jede Besucherin und jeder Besucher unterstützt allein durch Besichtigung das Projekt. Darum werden auch Führungen und Firmenseminare angeboten. Wer möchte, kann stilecht eine Kutsche für die Führung buchen.

Einer der Höhepunkte jedes Rundgangs ist zweifellos die Holzkirche. Sie ist schon fertig – wenn man vom Kirchturm absieht. Auf der ganzen Welt gibt es keine Holzkirche aus dem 9. Jahrhundert. Außer auf dem Campus Galli. Dort steht wieder eine. Weil der St. Galler Klosterplan nicht so detailliert ist, hat sich das Campus Galli-Team an steinernen Kirchen des frühen Mittelalters orientiert. So wurde wieder sichtbar gemacht, was jahrhundertelang unsichtbar war. Die Kirche als Herzstück jeder Stadt. Ein Stück Mittelalter zum Staunen und Erleben.

Die Zeit vergeht im Flug. Die Arbeiterinnen und Arbeiter tragen keine Uhren. Mit dem Schlag auf ein riesiges Klangholz wird die Mittagspause angekündigt. Wir finden uns am Marktplatz ein. Dort werden Getränke und Flammkuchen gereicht. Nach Rezepten aus dem Mittelalter. Genauso zubereitet, wie man es früher gemacht hat. Wir sind mitten im Geschehen. Das Mittelalter ist selbstverständlich geworden. Nur die Handwerker nehmen sich eine kurze Stunde in der Gegenwart. Dafür steht ihnen ein kleiner Pausenraum zur Verfügung. Gerüchten zu Folge soll es dort einen Kaffee geben. Es sei ihnen von Herzen gegönnt. Unser Kaffee wartet vorne am Eingang: der erste Kaffee — zurück in der Gegenwart.