Taubergießen: Im schmalen Kahn durch den Artenreichtum
NATUR

Taubergießen: Im schmalen Kahn durch den Artenreichtum

07. Januar 2020

Nennen wir die Dinge beim Namen: Taubergießen heißt das Naturschutzgebiet, das am südlichen Oberrhein liegt, ganz in der Nachbarschaft des Europa-Parks Rust. Aber bei der Namensgebung ist offenbar etwas schief gegangen. Taubergießen kommt von „taub“. So bezeichnen Fischer nährstoffarme Gewässer, die von Fischen gemieden werden. Da haben die Taufpaten nicht richtig unter der Wasseroberfläche nachgeschaut. Die faszinierende Auenlandschaft am Rhein ist alles andere als taub. Das Wasser führt extrem viel Sauerstoff und eine hohe Konzentration an Nährstoffen. Dementsprechend vielfältig sind die Arten. Welch ein Reichtum! Hecht, Zander, Schleie, Karpfen, Welz, Gründling, Träsche, Flussneunauge, Forelle und viele mehr. Alle Fische sind schon da! Die Vielfalt scheint grenzenlos – und das nicht nur unterhalb der Wasseroberfläche.

Im Stocherkahn gleiten wir lautlos durch die wundervollen Wasserwege des einmaligen Biotops. Taubergießen von innen. Fantastische Einblicke! Extrem praktisch, dass wir nicht selbst in der Gegend rumstochern. Das ist nicht nur gut für den Naturpark, sondern auch gut für uns. Damit ist gewährleistet, dass wir wieder raus finden aus der üppigen Landschaft. Im simplen Kahn machen wir’s uns bequem, während Bootsführer Felix Sigg das lautloses Gefährt durch Arme der Rheinaue steuert. Wir fühlen uns wie in einer Sänfte im Wasser. Was der Felix alles weiß, ist bemerkenswert. Und vor allem: Was er sieht! Den Eisvogel hätte ich auch gerne von vorne gesehen. Aber als Felix in aller Ruhe „Eisvogel links“ meldet, war nur noch „Eisvogel auf der Flucht“ zu erkennen als ich mich umdrehte. Ich hatte leider viel zu spät kapiert, in welche Richtung ich gucken musste.

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Mit dem Stocherkahn lässt sich das Naturschutzgebiet hervorragend erkunden, die Zeit vergeht wie im Fluge. - © Gregor Lengler

Ist es eigentlich übertrieben, wenn man Taubergießen als eine Art mitteleuropäischen Amazonas bezeichnet? Nun, was die Ausdehnung betrifft sicherlich. Das Gebiet, das 1979 zum Naturschutzpark erklärt wurde, ist zwar eines der größten Naturschutzgebiete in Baden-Württembergs. Aber mit zirka 12 Kilometern Länge und rund 3 Kilometern Breite fehlen ein paar Quadratmeter zur Ausdehnung des Amazonas. Apropos Klima: Unser Bootsführer schippert täglich von April bis Ende Oktober durch das Wasserparadies. Überraschend fand ich, dass er sogar im Winter unterwegs ist. Wenn die Sonne scheint und der Raureif in den Spinnennetzen glitzert, muss es in der kalten Jahreszeit ein unvergessliches Erlebnis sein, sagt Felix. Öfter mal was Ungewöhnliches.

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© Gregor Lengler

Aber auch zur warmen Jahreszeit ist die Freude überbordend. Man hockt im Kahn und weiß kaum, auf welchen Sinn man sich konzentrieren soll. Gerade noch dachte ich, ich hätte einen Biber gesehen (natürlich auf der Flucht), da macht uns Felix Sigg auf das aufmerksam, was melodisch durchs Unterholz flötet. Offenbar ein Pirol. Jetzt wird die Liste der Vögel langsam unübersichtlich. Grasmücken, Drosseln, Kuckucke, Finken, Meisen, Stare, Nachtigall und, und, und. Das könnte man sich noch merken. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass jede Vogelfamilie unzählige Unterarten hat. Erstaunlich, wie viele unser Mann am Stocherkahn aufzählen kann. Ich gebe zu, dass ich mich besonders über den Zilpzalp gefreut habe. Allein wegen des schönen Namens. Den hab ich sogar gesehen!

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© Gregor Lengler

Der zweite Teil der Bezeichnung „Taubergießen“ ist ebenfalls interessant. Schließlich muss man Auen nicht gießen. Das hat die Natur bereits erledigt. Denn in das langsam fließende Gewässer mischt sich zusätzliches Grundwasser, also Wasser, das an anderer Stelle bereits versickert war. Es ergießt sich, sozusagen, daher der Name. So lässt sich die hervorragende Wasserqualität erklären, die letztlich zum extremen Artenreichtum führt. Hier ist wirklich alles vorhanden: Schmetterlinge in allen Farben, Libellen in erstaunlicher Größe und natürlich Kröten, Frösche und Unken.

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Ein Nutria lässt sich kurz blicken - © Gregor Lengler

Ja, und auch ein Biber! Den hatte ich mir vorhin nicht nur eingebildet, das war tatsächlich einer. Ein Nutria. So werden die seltenen Sumpfbiber bezeichnet, die man in diesem Gebiet beobachten kann. Endlich mal aufgepasst, und die Augen am richtigen Fleck gehabt! Vielleicht ist doch ein Heinz Sielmann an mir verloren gegangen. Leider wird meine Freude jäh unterbrochen. Plötzlich kündigt der Bootsführer an, dass wir in Kürze anlegen werden. Wie bitte? Schon zwei Stunden vergangen? Fast wie im Fluge, würde ich sagen, wenn wir nicht im Boot gesessen wären. Nun gut. Nehmen wir es als Motivation, tatsächlich im Winter zurückzukehren. Dann würde Taubergießen eine völlig andere Seite zeigen, sagt Felix Sigg. Und der hat immer recht, was Taubergießen betrifft. Wir kommen wieder. Versprochen!

Mehr Infos: www.naturzentrum-rheinauen.de

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