Steil, sonnig, spektakulär
GENUSS

Steil, sonnig, spektakulär

06. Dezember 2017

Am Neckar klettern die Hänge mit bis zu 40 Grad Neigung empor: Dort wachsen erstklassige Weine. Besuch bei den Steillagen-Winzern in Stuttgart-Mühlhausen.

Weinbau in Stuttgart - steil, sonnig, spektakulär

Die Stiege ist ein wenig ausgetreten. Es geht steil nach oben. Man kommt nur langsam voran, weil man sich ständig umdrehen muss – so spektakulär ist die Aussicht. Dort unten fließt idyllisch der Neckar, auf dem Boote schaukeln und Ruderer ihre Bahnen ziehen. Gleich dahinter liegt der Max-Eyth-See. Und über allem wölbt sich ein weiter Horizont mit einem blauen Himmel und Schäfchenwolken. Ist das schön hier! Der Fluss im Rücken, die wildromantischen Muschelkalk-Mauern und die alten Rebstöcke im Blick.

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Spektakuläre Lage - spektakuläre Aussichten - © Gregor Lengler
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Die Hänge am Neckar haben eine Neigung von bis zu 40 Grad - © Gregor Lengler

Die Weinberge in Stuttgart-Mühlhausen gehören zur berühmten Lage Cannstatter Zuckerle, die einige der besten Weine der Region hervorbringt. Die Südwestlage, die nährstoffreichen Muschelkalkböden und das Mikroklima am Wasser bieten perfekte Bedingungen für Rot- und Weißweine. Aber weil man in der Steillage keine Maschinen einsetzen kann, erfordert dieser Weinberg auch Idealismus, Leidenschaft und Herzblut von den hiesigen Weinbauern. Man muss nämlich mit der sechs- bis achtfachen Arbeitszeit rechnen, wenn man dort Wein anbaut. Aber man kann nicht den sechs- bis achtfachen Preis verlangen.

Die Steinterrassen speichern die Wärme und geben sie nachts ab

„Das ist eine einzigartige Weinlage“, erzählt uns Winzer Andreas Guigas, Vorsitzender der Weinbauern Mühlhausen. Denn die Mauern aus Bruchstein speichern die Sonnenwärme und geben sie nachts wieder ab.“ Aber Guigas sagt auch: „Es ist leider fast unmöglich, hier Gewinne zu erzielen.“ Wie machen das die 18 Winzerfamilien? Wie kommen sie über die Runden? Was treibt sie an? Andreas Guigas ist hauptberuflich Heilerzieher, Christian Ambach vom Weingut Ambach arbeitet die Hälfte der Woche noch in einem größeren Bio-Weinbaubetrieb. Und Christoph Ruck vom Weingut Rux investiert viel Zeit in die Vermarktung seiner Weine, damit die Familie über die Runden kommt. Bei den meisten Winzern hilft die Familie ehrenamtlich mit. Was alle hier eint, ist die Liebe zu einem wunderschön gelegenen Weinhang, der erstklassige Weine hervorbringen kann. Seit zehn Jahren gibt es den Verein Weinbauern Mühlhausen mittlerweile. Sein Ziel: der Erhalt der Weinhänge im Ort, einer wertvollen, 1.300 Jahre alten Kulturlandschaft. Sie ist ja nicht nur wunderschön anzusehen und mittlerweile über den Stuttgarter Weinwanderweg touristisch erschlossen. Die Steillagenhänge sind auch Lebensraum besonderer Tiere wie der Mauereidechse, des Schwalbenschwanzfalters und des Feuersalamanders. „Ich mag keine glatt gebügelten Weine“, sagt Christoph Ruck, den wir in seinem Weingut treffen. „Weine dürfen polarisieren, Charakter haben.“

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Maschinen kommen in den Steillagen nicht zum Einsatz - © Gregor Lengler

Bei den Steillagentagen feiern die Gäste direkt im Weinberg

Vor fünf Jahren haben sich Ruck und seine Frau Heike entschlossen, hauptberufliche Winzer zu werden. Samstags kann man nun im Weingut die Ruxweine kaufen. Mit einem Koch stellen die Rucks (aus denen die Rux geworden sind) kulinarische Abende mit Weinverkostung auf die Beine, ab und zu öffnet ihre Besenwirtschaft. „Das Weingut ist unser Lebenstraum“, sagt der Winzer, der 20.000 Flaschen im Jahr produziert. Trollinger bauen die Rucks an, außerdem u. a. Spätburgunder, Riesling und Sauvignon Blanc. Und bei den jährlichen Steillagentagen, dem zauberhaften Weinfest am Neckar, sind die Rucks auch dabei. Die Gäste hocken dann an Biertischen im Weinberg, es spielt Musik. Wie schön das hier ist! Andreas Guigas meint: „Ich liebe die Arbeit im Weinberg. Aber noch netter ist es, hier mal nichts zu tun. Wir sind der einzige Weinberg, in dem definitiv mehr getrunken als angebaut wird.“ 

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... aber man schmeckt sie in erstklassigen Weinen :-)  - © Gregor Lengler

Wein aus Stuttgart: Nicht nur in der Region dominiert der Weinbau – die Weinberge reichen bis ins Zentrum der Landeshauptstadt

Weinwanderwege: Es gibt in und um Stuttgart zahlreiche Touren zum Wein www.stuttgarter-weinwanderweg.de

Museum & Vinothek: Das Weinbaumuseum Stuttgart in Uhlbach informiert über den Weinanbau. In der Vinothek kann man Wein kaufen www.weinbaumuseum.de

Wein verkosten: Bei „Stuttgarts beste Weine – Degustation 2018“, am 24. November www.stuttgart-tourist.de

Steillagentage: Jährliches Weinfest in Stuttgart-Mühlhausen (am zweiten Augustwochenende). Mit Führungen und Traktortouren.

Steillage: Weinberge, die besonders steil sind. Teilweise kann man sie nicht mit Maschinen bewirtschaften. Im Süden mit einer Neigung bis zu 75 Grad.

Besenwirtschaft oder badisch Straußenwirtschaft: Viele Winzer öffnen temporär, schenken eigenen Wein aus und servieren regionale Spezialitäten. Dass geöffnet ist, erkennt man am Besen oder Strauß an der Tür.

Trockenmauer: Bruchstein-Mäuerchen, die den Hang in der Steillage terrassieren.

Rot gewinnt: 70 Prozent der Rebflächen in Württemberg werden für den Rotweinanbau genutzt.

Genussrekord: 27,7 Liter Wein trinkt der Baden-Württemberger im Durchschnitt pro Jahr. Das Genießen wird im Süden großgeschrieben.

Vielfalt: Von wegen nur Trollinger – in keinem anderen Weinanbaugebiet findet man so viele Rebsorten wie in Württemberg.

Wengerter: So heißen in Württemberg die Winzer.

Höhenrekord: Die höchst gelegenen deutschen Weinberge liegen am Hohentwiel auf gut 560 und unterhalb des Hohenneuffen am Albtrauf auf 530 Metern.

Zur Region Stuttgart: www.stuttgart-tourist.de

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