Ein Spaziergang über das Cannstatter Volksfest: 5 Schausteller erzählen ihre Geschichten
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Ein Spaziergang über das Cannstatter Volksfest: 5 Schausteller erzählen ihre Geschichten

26. September 2017
Valerie Heck

Der „Cannstatter Wasen“ gehört mit jährlich vier Millionen Besuchern zu den beliebtesten Festen Deutschlands. Vor allen Dingen die Bier- und Weinzelte locken das internationale Publikum zum Feiern und Wohlfühlen nach Stuttgart. Neben den Festlichkeiten bietet das Volksfest aber noch viele weitere Attraktionen. Nimmt man sich einmal die Zeit losgelöst vom Feiertrubel über das Festgelände zu spazieren, entdeckt man erst die vielen kleineren Schausteller, Stände und Fahrgeschäfte, die alle schon seit Jahrzehnten fester Bestandteil des „Cannstatter Wasen“ sind. Wir haben uns die Zeit genommen und an fünf Stationen Halt gemacht:

 

Ein Hauch von Südsee beim „Happy Sailor“ Manfred Howey

Wir betreten das Volksfest über den Krämermarkt und laufen links am Riesenrad vorbei, da wehen uns die Fahnen vom „Happy Sailor“ entgegen: eine bunte Berg- und Talbahn mit Schiffsgondeln, die alle ihren eigenen Namen tragen. Da gibt es „Susanne“, „Anni“ und „Amor“, aber auch „Bremen“ und „Werder Bremen“. Denn dort ist der „Happy Sailor“-Kapitän Manfred Howey zu Hause. Ihn treffen wir mit seinem kleinen Hund im Kassenhäuschen des Fahrgeschäfts. Seit 1979 kommt der Schausteller schon auf den Cannstatter Wasen. Nachdem die Großeltern früher Kinderfahrgeschäfte und eine Eisdielenkonditorei führten, übernahm er später von den Eltern die Berg- und Talbahn. An die 38 Jahre „Cannstatter Wasen“ hat Howey überwiegend positive Erinnerungen, denn hier traf sich die Familie immer, um den Geburtstag der Mutter zu feiern. Aber auch einen Wandel der Wasen konnte er beobachten. „Geändert haben sich vor allen Dingen die Sicherheitsvorkehrungen“, erzählt er nachdenklich während Polizisten am Fahrgeschäft vorbei laufen. „Hoffentlich werden wir sie nicht brauchen.“  

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Wohlfühlen bei Reibekuchen und Schwätzchen mit Kitty Roscher

Vom „Happy Sailor“ aus orientieren wir uns Richtung Neckarreihe und biegen links ab. Dort treffen wir in einem großen, blauen Wagen eine aufgeweckte Frau mit ihrer ganzen Familie. Kitty Roscher betreibt seit 30 Jahren mit ihrem Mann Mario den „Reibekuchen Roscher“ und auch die Kinder und Enkelkinder helfen mit. Insgesamt kommt die Familie schon seit 60 Jahren nach Bad Cannstatt: erst mit einer Stierkampfarena, dann mit einem Ballwerfwagen und seit 30 Jahren mit Reibekuchen. In dieser Zeit gewinnt man viele Stammkunden. „Ein älterer Herr kommt während dem Wasen mindestens alle drei Tage und isst Reibekuchen mit Lachs auf einem Glasteller“, erzählt Kitty. Dass die Teller eigentlich schon längst ausrangiert sind, ist dabei egal. Für den Stammkunden wird gerne jedes Jahr ein Glasteller mit nach Stuttgart gebracht. Kitty kennt die Gesichter und auch die Wünsche dahinter. So überrascht sie die Kunden immer wieder aufs Neue mit der Frage „wie immer?“. Um aber auch neue Kunden zu gewinnen, hat Familie Roscher den Reibekuchen ins neue Zeitalter gebracht: Neben der klassischen Beilage Apfelmus gibt es daher mittlerweile auch Varianten mit Rucola und Parmaschinken oder mit Camembert und Preiselbeeren. Für jeden Geschmack ist etwas dabei.

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Kultige Adrenalin-Fahrt mit dem Jüngsten der Kinzler-Familie

Nach einer Stärkung beim „Reibekuchen Roscher“ lädt der „Musik-Express“ direkt gegenüber zum kleinen Adrenalin-Kick ein. Das Fahrgeschäft, das seit 1970 auf dem „Cannstatter Wasen“ nicht fehlen darf, wird von Julius Kinzler geführt. Sein Großvater hatte 1968 mit der Firma Mack die Bahn entwickelt. Nachdem das erste Modell nach New York verkauft wurde, wo es bis 2016 auf Coney Island stand, ließ er es zwei Jahre später für die Heimat noch einmal bauen. Hier ist der „Musik-Express“ mittlerweile zum Klassiker für die ganze Familie geworden, wie der Enkel stolz erzählt. So wie auch sämtliche andere Fahrgeschäfte der Familie, denn mit dem Nachnamen Kinzler trifft man auf dem Fest viele. Die Stuttgarter Schaustellerfamilie führt neben dem „Musik-Express“ noch die „Wilde Maus“, den „Breakdancer“ und die Maiskolben-Stände. Julius ist der Jüngste der Familie. Nach dem Schulabschluss hat er Grafikdesign gelernt. „Aber man wächst mit den Festen auf, ist seit seiner Kindheit ständig unterwegs. Da ist der Schritt, den Familienbetrieb nicht weiter zu führen fast schwerer.“, erzählt der Schausteller. Auf das „Cannstatter Volksfest“ freut er sich in der Saison immer besonders: „Es ist ein Heimspiel und ein zweites Zuhause.“

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Ein Treffpunkt für die Cannstatter bei Thomas Schiedel

Vom „Musik-Express“ aus spazieren wir Richtung Fruchtsäule. Vorbei am ersten großen Festzelt biegen wir links ab und entdecken jetzt all die Stände auf der anderen Seite des Geländes. In der Reihe entlang der Mercedesstraße ist der Imbiss mit grünem Logo, grünen Lampen und grünen Tischdecken nicht zu übersehen. Insgesamt sehr modern gestaltet, erinnert der Schriftzug des Standes an eine andere Zeit. „Ein bisschen Nostalgie darf sein“, sagt Thomas Schiedel, der den Imbiss in der dritten Generation betreibt. In diesem Jahr hat er dem Geschäft einen neuen Anstrich verliehen. Ausschank und Erscheinungsbild wurden modernisiert, aber der grüne Schriftzug vom Großvater durfte trotz Diskussion mit der Designerin bleiben. Seit über 100 Jahren ist die Familie Schiedel auf Volksfesten unterwegs. Angefangen hat Großvater Anton mit einem Zeltbetrieb und Süßwaren, in den 70er Jahren wurde ein Imbiss daraus. Thomas Schiedel übernahm 2013 den Familienbetrieb mit „Leib und Seele“, wie er sagt. Er ist Cannstatter, hier geboren und aufgewachsen und so wird auch sein Stand auf dem Volksfest jedes Jahr wieder zum Treffpunkt der Ortsansässigen. Hier kann im Biergarten bei Haxen und Hendl an die alte und die neue Zeit auf dem Wasen erinnert werden.

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Sicherer Wasen-Heimweg mit Peter Erb

Vom Imbiss Schiedel sind die großen Festzelte nicht weit entfernt. Wenn dort am Abend mal das ein oder andere Bier zu viel getrunken wird, sorgt Peter Erb für den sicheren Heimweg. Ihn finden wir nicht an einem Stand oder Fahrgeschäft, sondern im Bürogebäude gegenüber vom Flyer. Genau der richtige Platz für seine Heimweghilfe, denn hier kommen betrunkene Gäste auf dem Weg vom Bierzelt zum Parkplatz vorbei und können sich nochmal überlegen, ob sie den Heimweg wirklich alleine antreten sollten. Wenn nicht, steht Peter Erb mit seinen 40 Fahrern parat. „Wir bringen alkoholisierte Besucher mit ihrem eigenen Auto nach Hause“, erzählt er. „Der Service ist kostenlos, nur die Taxifahrt für den Fahrer zurück zum Volksfest muss bezahlt werden.“ 1965 wurde die in Deutschland einmalige Heimweghilfe initiiert. Damals wurden 400 Fahrer aus Bundeswehr, Fahrschulen, dem Gericht und dem Motorsportclub Stuttgart eingesetzt, um die Zahl der durch Alkohol verursachten Unfälle zu reduzieren. „Einer dieser Fahrer war ich“, erzählt Peter Erb. Nun ist er schon seit 52 Jahren dabei und mittlerweile erster Vorsitzender des Vereins. An dem Prinzip hat sich seitdem nichts verändert, nur die Zeit vor dem Handy kann sich der ehemalige Motorsportler kaum noch vorstellen: „Die Organisation nachts geht nur über das Handy. Früher musste man von der Wohnung der Fahrgäste aus das Taxi rufen. Da machte ab und zu eine Frau die Tür auf und beschimpfte uns Fahrer als Saufkumpanen des Mannes.“

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Infos zum Cannstatter Volksfest

Valerie Heck

Valerie Heck

Valerie ist Volontärin und Außenreporterin der Tourismus Marketing GmbH. Sie ist in Hanau aufgewachsen, hat die Welt bereist und lernt im Rahmen ihrer Arbeit das Urlaubsland Baden-Württemberg kennen.
Ab und zu erzählt sie hier von ihren Erlebnissen im Süden.