Deutsches Literaturarchiv Marbach: Aura-Architektur
KULTUR

Deutsches Literaturarchiv Marbach: Aura-Architektur

16. Oktober 2018
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Diese Perlen der Provinz sind ein bedeutendes Ensemble auf der Schillerhöhe und bestehen aus dem Schiller-Nationalmuseum, Deutschen Literaturarchiv und dem Literaturmuseum der Moderne. Deren Sammlungen vereinen wichtige Quellen der Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart. Die Schloss- und Tempel-Architektur spiegelt das ebenso wieder wie das denkmalgeschützte Brutalismusgebäude von 1972.

"Schillerstadt Marbach" – so nennt sich der 20 km nördlich von Stuttgart gelegene Ort mit knapp 16.000 Einwohnern und würdigt damit Friedrich Schiller (1759–1805), den berühmtesten Marbacher und einen der wichtigsten Dramatiker und Lyriker Deutschlands. Die ihm zu Ehren angelegte Schillerhöhe in der Stadtmitte ist ein Park- und Museenareal und beliebtes Ausflugsziel. Hier befindet sich das Deutsche Literaturarchiv (DLA), das zu den bedeutendsten Literaturinstitutionen gehört und in seinen Sammlungen unschätzbare Quellen der Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart bewahrt. Das DLA wurde 1955 gegründet und dient seitdem der Literatur, Bildung und Forschung. Die Architektur spiegelt das in einer angemessenen Weise wieder. Eine fotografische Annäherung an die grüne Kulturlandschaft auf der Anhöhe.

Schiller-Nationalmuseum, Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle, 1903

Symmetrie und das Schloss-ähnliche fallen als erstes auf. Dass der Vorplatz zum Parken degradiert wurde, wiegt nicht schwer, dazu stehen die Autos zu verschämt am Rand des Halbrunds. Von dieser Perspektive scheint das Gebäude im Sockelbereich angeschnitten. Der Bau wurde auf einem Felsen über dem Neckar errichtet, so dass sich auf der flusszugewandten Seite das andere Gesicht zeigt. Hier fällt das Gelände ab und der Bau bekommt mehr Luft und Leichtigkeit. Gleichzeitig ist das Prachtvolle sehr direkt und unmittelbar, es gibt keine breite Freitreppe oder eine andere Inszenierung, auf beiden Seiten soll der Gast ins Haus gleiten. Die zentrale Kuppel ist präsent, aber alles andere als dominant. Das Nationalmuseum war ein Spätwerk der beiden Architekten Ludwig Eisenlohr (1851–1931) und Carl Weigle (1849–1932), die zuvor zahlreiche Projekte zusammen umgesetzt hatten (Rathäuser in Vaihingen und Feuerbach, Schloss Babstadt und Wohnhäuser). Hinzu kamen Soloarbeiten wie z.B. die Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) in Berlin, die Papierfabrik Scheufelen, die Villa Link in Heilbronn und die Villa Giesler in Stuttgart von Eisenlohr. Viele ihrer Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz. Die Dauerausstellung über Schillers Werk und Persönlichkeit verantwortete das Stuttgarter Büro space4, das auch die Schau im Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier konzipierten. Im Nationalmuseum ist ihnen eine Anschaulichkeit gelungen, die auch auf die dunklen Räume zurückzuführen ist. Der Fokus liegt auf Schillers Schriften, sein Leben, sogar auf seiner Kleidung und Mode. Die Designer des preisgekrönten Büros sprechen von einer “besonderen Atmosphäre, in der man Friedrich Schiller sehr nahe kommen kann und sich gleichzeitig vom Alltag für eine kurze Zeit weit entfernt.”

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Marbach Schiller-Nationalmuseum - © Jan Dimog thelink.berlin

Deutsches Literaturarchiv (1972), Jörg und Elisabeth Kiefner mit Wolfgang Lauber

"Ein intimes Theaterfoyer mit fließenden räumlichen Übergängen.", "Ein neues und ästhetisch vollendetes Domizil.", "Das Schöne ist, dass sich mit diesem Bau die moderne Beton- und Glas-Architektur ein Denkmal gesetzt hat." Die Presse- und Kritikerstimmen zur Eröffnung des Deutschen Literaturarchivs waren durchweg positiv und lobten die Helligkeit, das Einladende und die Transparenz des ringförmig angelegten Komplexes mit seiner knapp 4.500 qm großen Nutzfläche. Grund für das Projekt war der beträchtliche Zuwachs an Büchern, Bildern, Handschriften, für die der Platz im Schiller-Nationalmuseum nicht mehr ausreichte. Die Planungen für einen Neubau begannen Ende der 1950er-Jahre. Die Stuttgarter Architekten Elisabeth und Jörg Kiefner sowie Wolfgang Lauber, ein ehemaliger Architekturprofessor an der Konstanzer Hochschule, konzipierten in ihrem Entwurf ein praktisches, zweckorientiertes Gebäude, das in seiner Gestaltung dem Status des Deutschen Literaturarchivs und dem benachbarten Schiller-Nationalmuseum angemessen schien und die Wettbewerbsjury 1968 überzeugte. Nach dreijähriger Bauzeit begann der Bezug der Räume, zum Festakt kamen 1.200 Gäste, darunter der damalige Bundespräsident Gustav W. Heinemann. Der bescheiden wirkende Kiefner-Lauber-Bau erschließt sich dem Besucher im Inneren, wo die Ebenen und Bereiche dem Foyer zuzufließen scheinen. Außen umgreift das Gebäude die Landschaft und lässt sie zugleich tief hinein. Das ist auch die Grundidee des Entwurfs: die ringförmige Anordnung um den Kern des Archivs, den Katalogsaal, der von allen Abteilungen auf gleich kurzen Wegen erreichbar ist. Das im Stil des Brutalismus errichtete Archivgebäude mit dem roh belassenen Beton strahlt im Zusammenspiel mit der gläsernen Transparenz Selbstbewusstsein und Feinheit zugleich aus, eine Stärke, die sich nicht am Schloss-artigen Altbau abarbeiten muss. Im Gegenteil.

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Literaturarchiv Marbach - © Hendrik Bohle thelink.berlin
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Literarturarchiv Marbach - © Hendrik Bohle thelink.berlin

Literaturmuseum der Moderne, David Chipperfield Architects, 2006

So wie das Archivgebäude ein Bau mit vielen Gesichtern und mehr verbirgt als auf den ersten Blick sichtbar ist, so zeigt sich das Literaturmuseum der Moderne zunächst fein und schlicht. Die Tempelarchitektur mit den Säulen ist das markanteste Merkmal. Trotzdem ist hier nichts erhöht oder gar überhöht. Der Außenraum ist einfach und schmucklos gehalten: die Pfeiler sind aus Sichtbeton mit Muschelkalksplitt, die Holzverkleidung der Fassade wird von bodentiefen Fenstern ergänzt und der Boden ist aus großen Betonplatten gefügt. Zwar ist auch die Innenarchitektur ähnlich ungekünstelt wie das Äußere, dafür gleicht die Reduktion einer puren Konzentration. Eine Aura der Achtsamkeit. Beton und Ipéholz ergänzen sich in den Ausstellungsräumen, lassen einander Luft, fügen sich zu einer Gesamtheit in ihrer individuellen Materialität. Hinzu kommt, dass der Bau des britischen Architekten David Chipperfield (*1953 in London) die Hanglage des Parks für die volle Entfaltung des Platzbedarfs nutzt ohne raumgreifend zu werden, immerhin beträgt die Gesamtfläche 3.800 qm. Plump kann Chipperfield eh nicht, dafür ist das Museum wie die Essenz seiner späteren Arbeiten: behutsam, klug, formvollendet.

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Marbach Literaturmuseum der Moderne - © Hendrik Bohle thelink.berlin
Marbach_Literaturmuseum-der-Moderne-09 ®-Hendrik-Bohle_thelink.berlin
Marbach Literaturmuseum der Moderne - © Hendrik Bohle thelink.berlin

Weitere textbegleitende Infos

Deutsches Literaturarchiv Marbach 1955 gegründetes Literaturinstitut mit einer der weltweit bedeutenden Sammlungen zur Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart mit Schwerpunkten in der Bildung und Forschung. Das DLA bewahrt ca. 1.400 Nachlässe und Sammlungen von Schriftstellern, Intellektuellen und literarischen Verlagen. Die Bibliothek ist die größte Spezialsammlung zur neueren deutschen Literatur und umfasst etwa eine Million Bände. Die Ausstellungen im Schiller-Nationalmuseum und dem Literaturmuseum der Moderne präsentieren Manuskripte, Fotos, Briefe, Bücher, Bilder, Alltagsgegenstände und Kunstobjekte des DLA. Die Geschichte und Theorie der Literatur soll auf diese Weise sicht- und erlebbar werden. Im Literaturmuseum der Moderne finden auch Wechselausstellungen statt und der Poesieautomat von Hans Magnus Enzensberger (eine Leihgabe der Sammlung Würth) dichtet auf Knopfdruck mögliche Orakel: "Es ist ein Spiel. Wie weit man es mit Sinn auflädt, hängt vom Betrachter ab. Es können Gedichte entstehen, die jemandem etwas sagen."

ZITAT 1: "The use of enduring, solid materials gives the architecture a strong, physical presence and supports the notion of preserving the collection for future generations."
David Chipperfield Architects über ihren Entwurf zum Literaturmuseum der Moderne 

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THE LINK BERLIN: Das internationale Digitalmagazin aus Berlin über Architektur und Baukultur von Hendrik Bohle und Jan Dimog.