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Weinlese am Kaiserstuhl

Volle Arbeitskraft voraus

Reife Leistung

BW Story - Die Reiseschreiber

Reife Leistung

Die Weinlese im Herbst ist ein Erlebnis. Bei manchen Betrieben des Weinsüden dürfen auch Touristen mitmachen, wie zum Beispiel in Burkheim am Kaiserstuhl, wo die Winzer des Weinguts Bercher allmorgendlich mit ihren rund 20 Helfern in die Reben fahren.

Noch herrscht gähnende Leere in den Bottichen. Die riesigen Gefäße sind auf dem Anhänger in die Reben gekarrt worden, gegen Mittag sollen sie voll wieder in die Kelter zurückkehren. Das klingt nach einer Menge Arbeit und nicht nach vielen Pausen, in denen man fröhlich im Weinberg herumlümmeln kann.

Die Atmosphäre ist trotzdem sehr entspannt. Ein eingespieltes Team geht dort am Sasbacher Limberg an die Arbeit. Rund 20 professionelle Erntehelfer und ein paar Touristen, die das Ganze einmal ein paar Stunden lang kennenlernen wollen. Sie haben eines schon mal richtig gemacht und Gummistiefel angezogen. Die Arbeit im Weinberg ist ausgesprochen erdverbunden und je nach Wetterlage auch dreckig.

Essigbeeren bitte rausschneiden

Dann weist Weinbautechniker Dieter Jäger die Neuen kurz ein. Die komplette Traube abschneiden und möglichst darauf achten, dass die Essigbeeren nicht dranbleiben. Das sind faule Trauben, die den Geschmack verderben. „Das kriegt man sonst nicht wieder raus“, sagt Dieter Jäger. Dieter Jäger hat alles im Blick: die Bottiche, die Eimer, die Traktoren und die Erntehelfer.

Jeder neue begleitet einen erfahrenen Leser. In Windeseile zwicken sie die Traube ab, schneller als man gucken kann, füllen sich die Eimer, die auf kleinen Rollwägelchen neben den Arbeitern stehen. Sobald ein Eimer voll ist, kommt der Traktorfahrer und schüttet ihn in den Bottich. Die Kleintraktoren passen genau zwischen zwei Rebzeilen, mit schlafwandlerischer Sicherheit steuert der Fahrer sein Gefährt rückwärts durch den Weinberg.
 

Urlauber dürfen Fragen stellen

Man muss nun schauen, dass man vor lauter Faszination auch noch etwas geerntet bekommt. Doch die Winzer sind nachsichtig, wissen, dass sie einen Urlauber nicht als volle Arbeitskraft einplanen können und zwischendurch auch immer wieder ein paar Fragen beantworten müssen. Wie viele Kilo passen in einen Bottich und wann wird da ein Wein draus? Außerdem: Wie heißt denn das Gebirge, das wir da sehen und die schöne Stadt am Horizont?

Die Stadt heißt Breisach und das Gebirge sind die Vogesen. Der Sasbacher Limberg liegt ganz nah an der französischen Grenze, mit malerischen Aussichten ins Nachbarland. Deshalb sind auch ein paar Erntehelfer aus dem Elsass dabei. Ihr alemannischer Dialekt klingt wie ein mediterran gewürztes Badisch, ein Erlebnis für die Ohren, vor allem wenn man aus einer ganz anderen Gegend kommt.

Die Gruppe der Erntehelfer ist ein Mikrokosmos aus nah und fern, Badenern und Nichtbadenern, deutschen und internationalen Kräften. Schon seit Jahrzehenten sind die polnischen Weinleser mit von der Partie, zuverlässige Saisonarbeiter, ohne die es nicht mehr gehen würde. Sie werden ergänzt vom Stammpersonal des Weinguts und Ruheständlers aus dem Dorf, die sich ein paar Euro dazuverdienen wollen und ansonsten das Erlebnis und die Geselligkeit schätzen.

Ein Mikrokosmos von Menschen

So ist die Teilnahme an der Weinlese auch eine Begegnung mit Menschen, ein Einblick in die Mechanismen einer Landwirtschaft, die genauso mit Arbeitskräftemangel zu kämpfen hat wie andere Branchen. Bei Bercher am Kaiserstuhl sind sie noch immer recht gut dran. Nach wie vor gibt es genug fleißige Menschen, die dafür sorgen, dass die Lese bis zum heutigen Tage von Hand erfolgen kann. „Es ist einfach besser und schonender“, sagt Winzer Arne Bercher, der zusammen mit seinem Cousin Martin das Weingut betreibt.
 

Zwölf Bottiche sind jetzt voll

Kurz vor 12 ist dann Mittagpause. Die ersten zwölf Bottiche am Sasbacher Limberg sind tatsächlich voll, das sind bei einer Einzelbefüllung von etwa 450 Kilo stolze sechs Tonnen Traubengewicht. Mit einem großen Traktor werden sie nun auf den Anhänger gehievt und rumpeln in die Kelter des Weinguts. Irgendwann im Frühjahr wird daraus ein fertiger Weißburgunder werden, es ist eine der einfacheren Lagen, ein Guts- oder Ortswein, wie es in der Winzersprache heißt.

Der eine oder andere Tourist merkt nun, dass er das Herbsten doch nicht wirklich gewöhnt ist. Die Hände tun weh und ein kleines bisschen der Rücken. „Deshalb reicht oft auch ein Vormittag,“ sagt Winzer Martin Bercher, wobei es durchaus Gäste gibt, die mehre Tage arbeiten wollen. In jedem Fall dürfen sie zum Mittagessen mit, ein deftiger Eintopf mit einem Gals Weißherbst wartet auf die Mannschaft.

Malerischer Weinort Burkheim

Vermutlich ist es ja auch gar keine schlechte Idee, sich am Nachmittag ein wenig Zeit für den historischen Weinort Burkheim zu nehmen, wo das Weingut Bercher seit 1756 seinen Sitz hat. Schon in zehnter Generation bewirtschaftet es die Familie. Es gehört zum Verband der VDP-Weingüter, Betriebe mit hohem Standards und strenge Kriterien.

Die Trauben, die am Vormittag geerntet wurden, gehen nun schon in die Presse. Sie werden bald ganz anders schmecken als das süße Beerchen, das man bei der Lese vom Henkel stibitzt hat. Es war eigentlich sehr gut und wird den Ertrag beim Fassausbau im Keller nicht wirklich mindern.

 

Information
Wer bei der Weinlese des Weinguts Bercher in Burkheim am Kaiserstuhl teilnehmen möchte, muss sich vorher anmelden. Die Teilnahme ist kostenlos, es gibt auch ein Mittagessen gratis. Geherbstet wird von August bis Oktober: Telefon +49 ( 0) 7662 212

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